Ähnlich wie in Paris, geht es mir auch am Bahnhof in Barcelona. Ich bin sichtlich überfordert mit den vielen verschiedenen Ausgängen in jede Richtung. Die Fahrt von Paris nach Barcelona ist gut verlaufen, ohne Verspätung konnte ich in Lyon, dem einzigen Stopp nach 466 Kilometern, umsteigen.
Dieses Mal ist es jedoch anders als in Paris, ich habe als Treffpunkt nicht den Bahnhof vereinbart, sondern ein Café in der berühmten Einkaufsstraße „ La Rambla“. Da ich den Weg selbst finden will, habe ich mir im Zug eine App heruntergeladen, welche mir den Metroplan mit individueller Routenauswahl überall aufrufen lässt. Sofort sehe ich, welche Linie am schnellsten ist und diese nehme ich dann auch. Früher als es noch keine Apps gab und man sich mit einem Stadtplan zu Recht gefunden hat, hat man sicherlich mehr Leute um Hilfe gefragt. Selbstverständlich vereinfacht die App viel, doch ist es auch schade, dass die Kommunikation, im besten Fall mit Einheimischen, verloren geht. Vielleicht hat man dadurch Europa und die Städte auch anders wahrgenommen. Doch ich kann von mir sprechen und sagen, dass ich vielleicht das ein oder andere Mal den Kontakt und das kleine Abenteuer vermissen würde, wenn ich alles in meine App eingeben würde.
Als ich endlich die Flaniermeile vor mir sehe, platze ich schon fast vor Erleichterung. Die Düfte von verschiedenen leckeren Essen kommen mir nur so entgegen, dementsprechend bunt ist die Fassade der Häuser auch. Ich kann es nicht glauben, dass ich noch nicht zu spät bin und mir noch fünfzehn Minuten bleiben, da ich es trotz der touristenfreundlichen App es geschafft habe in die falsche Metro einzusteigen. Die richtige Linie war es ja, nur leider in die falsche Richtung.
Ich dachte ich wäre gut in der Zeit, doch es stellt sich schwerer raus als ich gedacht hatte den Treffpunkt zu finden. Wie aneinander gereiht befindet sich ein Geschäft neben dem anderen und zwischendurch erscheint ein Café. Dass die „Rambla“ nicht nur unter Einheimischen begehrt ist wusste ich ja, nur dass wir uns in einer solchen Dimension befinden mit so vielen Menschen, hätte ich nicht gedacht.
Endlich am vereinbarten Ort angekommen, sehe ich meine alte Bekannte wieder. Sie heißt Lisa und ist meine ehemalige Nachbarin in Stuttgart gewesen. Doch nach einiger Zeit zog es sie zurück in ihre Heimat, denn Lisa ist gebürtige Spanierin, beziehungsweise Katalonierin, um es politisch korrekt zu formulieren.
Nicht selten schrieb sie mir, wie die Personen in den Straßen Barcelonas tobten und demonstrierten, wie sehr Katalonien bedacht sei sich von dem Rest Spaniens zu trennen und einen eigenen Staat zu gründen. Doch dass die spanische Regierung das nicht gerade gerne sieht, ist glaube ich auch in unsere deutschen Medien gelangt. Durch verschiedene Proteste und deren Gegenmaßnahmen ist das Thema auch in Deutschland diskutiert worden und der Punkt, dass in Spanien ein freies Recht zu Meinungsäußerung, wie in jeder Demokratie herrscht, wurde genauer unter die Lupe genommen.
Lisa sagt mir, sie hätte dieses Café nicht ohne Grund für unser erstes Treffen ausgewählt, denn trotz der Tatsache, dass es für spanische Verhältnisse sehr teuer ist, wie so ziemlich alles in dem von Massentourismus geprägten Viertel, bringt dieser Standort noch viel mehr, auch für mich als Außenstehenden mit sich. Sie spricht davon, dass nicht weit von hier der Wagen des Anschlages vom 17. November 2017 gefunden wurde und sie mir gerne etwas zu den Folgen erzählen möchte. In Barcelona, so sagt sie, sind kurz nach dem Ereignis die Leute nicht nur in Trauer ausgebrochen, sondern auch in Hass und Fremdenfeindlichkeit. Selbstverständlich nicht bei allen, dennoch sagt sie, war es in der Zeit schwerer denn je, jemanden zu finden, welcher den Tourismus für etwas Positives hielt. Doch sie sagt, dass die Bürger Barcelonas diese Zeiten gemeinsam überstanden hätten und sich nun nur noch über die hohen Preise beschwerten.
Ich finde es interessant, wie ähnlich die Aussagen von Etienne und Lisa sind. In beiden Fällen sprechen sie von erschwerten Bedingungen, auch für einen europäischen Zusammenhalt, jedoch von einer vielleicht nur zeitlich begrenzten Auswirkung auf die Einstellung gegenüber Fremden.
Eine große Gemeinsamkeit in Europa stellen die Einheimischen dar. Diese besitzen meistens mehrere Nationalitäten und können sich demnach gar nicht allzu lange sich von Fremden abschotten, da ganz Europa bunt gemischt ist. In Paris ist es ja nicht anders.
Nachdem wir uns über das Vergangene ausgetauscht haben und unseren Kaffee leer getrunken haben, machen wir uns auf, Barcelona zu entdecken. Den Beginn machen wir mit der Kolumbusstatue am Ende der „Rambla“.
Auch nach einer leckeren Fischmahlzeit im Barrí Gotic, der Altstadt Barcelonas, geben wir uns nicht geschlagen und erkunden trotz den Menschenmassen die berühmten Sehenswürdigkeiten der Stadt weiter.
An der wahrscheinlich berühmtesten Sehenswürdigkeit, der Sagrada Familia, einer Kathedrale, erkenne ich deutlich, warum es so viele Personen nach Barcelona zieht. In dem Modernisme, so ist der Name für den Architekturstil, sind Kirche, aber auch weitere Häuser erbaut und ich kann sagen, dass es etwas ist, was ich noch nicht gesehen habe. Dieser Stil ist sicherlich einmalig und prägt die Stadt und ihren Flair stark.
Am nächsten Morgen nach unserer Besichtigung der Sagrada Familia, besuchen wir den Park Güell, ein weiteres Prachtstück Gaudis. Es hat einen Grund, warum wir so früh dran sind, denn Lisa sagt, dass man über dem Park, welcher an einem Berg errichtet ist, den besten Blick auf den Sonnenaufgang Barcelonas hat. Selbstverständlich sind auch die Menschenmassen so früh noch erträglicher, obwohl es das frühe Aufstehen auf jeden Fall wert ist.
Nach ein paar Tagen nähert sich leider auch schon das Ende meines Aufenthaltes in Barcelona. Doch ich zähle wahrscheinlich nun auch zu den Liebhabern dieser Stadt. Denn diese hat mich mit ihrem Flair und der besonderen Architektur in ihren Bann gezogen und ich habe in den vergangenen Tagen viel über die Kultur erfahren und auch lieben gelernt. Selten habe ich so gute Paella gegessen, sodass ich im Ganzen nur von einer schönen Reise sprechen kann und mich auf weitere Abenteuer in Europa freue.
Unter anderem freue ich mich auf meinen nächsten Stopp im Norden, Stockholm.